Am 29.11.25 wählten die Mitglieder des neu gegründeten Kreisverbandes Oberhavel Henrik Lehmann zu ihrem Vorsitzenden. Im Interview mit der BF erläutert der 53-Jährige wie er nicht nur seine Partei sondern auch das Thema Frieden stärker in der Region verankern will und welche Angebote er dabei jungen Menschen machen möchte, die der drohenden Wehrpflicht entgehen wollen. Außerdem spricht Lehmann darüber, ob er sich beim Einsatz für den Frieden auch eine Zusammenarbeit mit anderen politischen Akteuren vorstellen kann.
BF: Hr. Lehmann, in Ihrer Antrittsrede zur Wahl zum Kreisvorsitzenden beschrieben Sie Schnittstellen zwischen dem Programm Ihrer Partei und den Sorgen junger Menschen. Sie kündigten für diese Klientel Angebote an, die darauf abzielen, der drohenden Wehrpflicht zu entgehen. Wie genau sollen diese Angebote aussehen?
H. Lehmann: Wir werden gemeinsam mit dem Jugendbündnis im BSW, dem JSW, Angebote bereitstellen, z.B. Jugendliche beraten, welche Rechte sie haben, die Musterung oder den Wehrdienst zu verweigern, Demos zu organisieren oder auch Formulare auszufüllen. Wir wollen jedem Jugendlichen sagen, dass er sich nicht zum Kriegsdienst verpflichten muss und auch Eltern unterstützen, die den Aufruf von Reinhard Mey in seinem Song „Meine Söhne kriegt Ihr nicht“ in die Tat umsetzen wollen. Das wird eines der zentralen Themen in der nahen Zukunft sein, d.h. wir müssen über Social Media, Webseiten, Plakate, Demos u.ä. bekanntmachen, dass das BSW als einzige deutsche Friedenspartei für die Jugend da ist.
BF: Stichwort „Friedenspartei“. Mit Ihrem Vorschlag, das Kürzel „BSW“ um den Zusatz die Friedenspartei“ zu erweitern, konnten Sie sich offensichtlich nicht durchsetzen. Woran hat es gelegen?
H. Lehmann: Der Vorschlag ist innerhalb des Bundesvorstandes gut angekommen. Wir ließen uns allerdings überzeugen, dass er die Partei thematisch zu stark eingrenzen würde und haben ihn deshalb zurückgezogen. Man signalisierte aber Bereitschaft, den Namenszusatz oder auch das Symbol der Friedenstaube in den kommenden Kampagnen zu verwenden.
BF: Auch aus den Bewerbungsreden der anderen Vorstandsmitglieder wurde auf der Gründungsveranstaltung am 29.11.25 deutlich, dass das Thema „Friedenssicherung“ für den Kreisverband OHV von zentraler Bedeutung ist. Auf welche Mittel und Methoden werden Sie bei Ihrer politischen Arbeit in diesem Bereich setzen, um von der kommunalen Ebene aus geopolitische Entscheidungen zu beeinflussen, die üblicherweise von Regierungen und Generalstäben getroffen werden?
H. Lehmann: Der Kreisverband Oberhavel des BSW war schon in der Vergangenheit sehr aktiv beim Thema Frieden. Wir haben sogar eine eigene Arbeitsgemeinschaft Frieden ins Leben gerufen mit sehr aktiven Teilnehmern. So werden Friedensdemos unterstützt und zum Teil mit organisiert. Natürlich sind unsere Mitglieder und Unterstützer bei allen großen Friedensveranstaltungen dabei. Wir haben eigene Flyer, Plakate, Sticker, aber auch Fahnen und Banner des BSW mit dabei. Das Thema Frieden ist nicht allein ein Thema der großen Politik. Auch vor Ort müssen wir vorleben, dass wir uns alle gemeinsam für den Frieden einsetzen müssen. Dazu gehört auch bei Gedenkveranstaltungen und Kranzniederlegungen stark vertreten zu sein. „Die Toten mahnen uns“ sollte nicht nur ein Spruch sein. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und jeden Krieg auf allen Ebenen vermeiden. Da halte ich es mit Helmut Schmidt, dass es sich lohnt, lieber 100 Stunden umsonst zu verhandeln als eine Minute zu schießen.
BF: Glauben Sie, dass Sie damit Einfluss auf das Meinungsbild der Menschen hier im Landkreis ausüben können?
H. Lehmann: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Die Leute sind der Kriegspropaganda unserer Regierungsmitglieder und einiger Talkshow-Dauergäste längst überdrüssig. Sie wollen auch andere Meinungen hören und wir wollen darüber mit den Menschen ins Gespräch kommen. Ich sehe jedenfalls viele gute Anknüpfungspunkte. Wer weiß, vielleicht ermutigen wir dadurch einige, an großen Friedensdemos teilzunehmen.
BF: Können Sie sich vorstellen in diesem Bereich auch mit Friedenskräften anderer Organisationen wie der AfD, der Linken oder Oberhavel-Steht-Auf zusammenzuarbeiten?
H. Lehmann: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Insofern sind gemeinsame Bestrebungen für den Frieden immer zu begrüßen. Ich vermute, dass es in allen Parteien und Gruppierungen Friedenskräfte gibt. Eine Parteizugehörigkeit ist kein Garant für den Frieden. Wer hätte gedacht, dass die ehemalig selbsternannten Friedensparteien SPD und Grüne heute zu den größten Befürwortern von Waffenlieferungen gehören und sich für die Kriegsertüchtigung Deutschlands einsetzen? Und dennoch bin ich überzeugt, dass es auch in diesen Parteien engagierte Friedenskräfte gibt.
BF: Welche Formen der Zusammenarbeit können Sie sich dabei konkret vorstellen?
H. Lehmann: Wir werden uns dabei an überparteilich agierenden Organisationen wie „Zukunft statt Krieg“ orientieren (siehe www.zukunftstattkrieg.de). Die Gruppe wirkt bereits sehr erfolgreich. Die gemeinsame Arbeit an einer friedlichen Zukunft darf nicht an der Zugehörigkeit zu einer anderen Partei oder Organisation scheitern.
BF: Sie selbst und auch die meisten anderen Vorstandsmitglieder äußerten in Flatow immer wieder das Anliegen, die Partei stärker „lokal zu verankern“, „sichtbarer zu machen“ und „nach vorne zu bringen“. Wie haben Sie sich dabei die Arbeitsteilung zwischen Vorstand und Mitgliedern vorgestellt?
H. Lehmann: Wir sind noch eine junge Partei, die sich noch ganz am Anfang des Aufbaus befindet. Viele Menschen wollten Unterstützer und Mitglied des BSW werden, haben aber bis heute keine Ansprechpartner gefunden oder keine Antworten auf Anfragen erhalten. Dieser Thematik werden wir uns nun intensiv annehmen. Dazu haben wir einen 7-köpfigen Vorstand gewählt, der sich auch regional aufteilt. Wir wollen ganz lokal vor Ort sein und uns auch auf dem Land, in den kleinen Orten und natürlich auch in den Städten wie Oranienburg, Hennigsdorf oder Fürstenberg bekannt machen. Dazu werden wir medial über eine Website, in den Social-Media-Kanälen, aber auch live vor Ort mit Ständen, auf Demos oder Veranstaltungen präsent sein. Die Menschen sollen erfahren, wie sie uns erreichen und unterstützen können und natürlich werden wir uns auch weiterhin regelmäßig treffen und neue Unterstützer dazu einladen. Aber künftig noch lokaler und regionaler durch unsere Aufteilung in die Regionen Nord, Mitte und Südost bzw. Südwest. Dabei brauchen wir übrigens jeden, egal ob Vorstand, Mitglied oder Unterstützer.
BF: Viele junge Parteien scheitern daran, dass einfache Mitglieder zu hohe Erwartungen in ihr Führungspersonal setzen und dabei vergessen, sich selbst zu engagieren. Haben Sie keine Sorge, dass es Ihnen genauso gehen wird?
H. Lehmann: Ich verstehe Ihren Punkt. Offen gesagt war ich erschrocken als ich erfuhr, dass nur etwa 5% der Parteimitglieder sich regelmäßig aktiv engagieren und z.B. zu gemeinsamen Treffen kommen. Das muss sich ändern. Ich bin stolz, dass wir im Kreisverband Oberhavel schon jetzt deutlich über dieser Quote liegen. Auch mit den 25 stimmberechtigten Teilnehmern, die zu unserer Gründungsversammlung am 29.11.25 in Flatow kamen, lagen wir schon über dem Durchschnitt, wie ich von unserer Landesvorsitzenden Friederike Benda erfuhr.
Damit die Euphorie und das Engagement der Gründungsphase nicht verpuffen, wollen wir auch in den 4 Regionen des Landkreises Strukturen bilden. Außerdem soll es Integrationsangebote für Unterstützer geben, die nicht der Partei beitreten wollen.
BF: Wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit sind 2 weitere zentrale Bereiche des BSW-Programms. Angesichts des anhaltenden Niedergangs der deutschen Wirtschaft sind Wohlstandsverluste absehbar. Sollte sich das BSW aktiv gegen die wirtschaftliche Entwicklung stemmen oder wollen Sie sich darauf beschränken, den drohenden Abstieg einigermaßen gerecht zu verwalten?
H. Lehmann: Wir als BSW sind nicht angetreten, damit alles bleibt wie es ist. Im Gegenteil, wir wollen verändern. Dazu gehört auch, die Wirtschaft zu stärken, der Deindustrialisierung entgegenzuwirken und die Voraussetzungen für eine florierende Wirtschaft zu verbessern. Das können wir nicht allein vor Ort tun. Dazu braucht es die Partei auch auf Länder- und Bundesebene. Aber wir können unterstützen, denn wir Oberhaveler haben tolle Persönlichkeiten mit starken Kompetenzen in unseren Reihen und wir sind jetzt schon gut vernetzt. So ist Friederike Benda, unsere Brandenburger Landesvorsitzende und frisch gewählte stellvertretende Parteivorsitzende, Mitglied im Kreisverband Oberhavel. Eins der zentralen Themen der Bundespolitik wird sein, die Unternehmen auch im weltweiten Wettbewerb zu unterstützen. Mit den aktuell teuren Energiepreisen in Deutschland haben es die Unternehmen immer schwerer, ihre Produktionsstätten in Deutschland profitabel zu betreiben. Die großen Unternehmen können ihre Fabriken ins Ausland verlagern, aber dann gehen die Arbeitsplätze hier verloren. Mit ihnen verschwindet auch KnowHow und nicht zuletzt sinken die Steuereinnahmen. Das kann nicht unser Ziel sein.

BF: Mit welchen Folgen, rechnen Sie auf der kommunalen Ebene, wenn der aktuellen Entwicklung nicht Einhalt geboten wird?
H. Lehmann: Brandenburg hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gut entwickelt, viele Industrieunternehmen haben sich angesiedelt oder ihr Geschäft ausgebaut. Denken Sie an Tesla in Grünheide, aber auch Orafol oder Takeda in Oranienburg, Riva-Stahl oder Bombardier in Hennigsdorf. Sie alle leiden besonders unter den Sanktionen gegen Russland und den seither stark gestiegenen Energiepreisen. Darüber hinaus kämpfen immer mehr Unternehmen im ländlichen Bereich ums Überleben. In vielen Orten gibt es schon keine Apotheke, keinen Konsum, keine Bank und keine Gaststätte mehr. Darunter leiden auch das Dorfleben und die Gemeinschaft insgesamt. Wenn aber Unternehmen und damit Arbeitsplätze fehlen, müssen die Menschen entweder weitere Wege in Kauf nehmen oder sogar umziehen. Dann werden es immer weniger Einwohner und der Altersdurchschnitt steigt. Das führt dazu, dass sich noch weniger Unternehmen halten können. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Hier müssen wir ansetzen und die Voraussetzungen für Unternehmen verbessern, z.B. durch eine gute Anbindung des ÖPNV oder hervorragende Internetverfügbarkeiten. Wenn die Infrastruktur passt, ziehen vielleicht sogar wieder mehr Menschen nach Brandenburg, denn die Landschaft ist wunderschön und der Menschenschlag passt sowieso.
BF: Bei den jüngsten Bürgermeisterwahlen in Oberhavel war das BSW noch nicht mit eigenen Kandidaten vertreten. Kurzfristig stehen keine regulären Bürgermeisterwahlen im Landkreis an. Außer der Reihe könnte sich aber kurzfristig in Zehdenick eine Neuwahl ergeben. Ist das BSW für einen Bürgermeisterwahlkampf in der Havelstadt mit eigenem Kandidaten bereits gerüstet?
H. Lehmann: Nein. Wir haben aber auch schon eine Arbeitsgemeinschaft Kommunalpolitik im BSW Oberhavel gegründet. Hier werden genau diese Themen beackert. Und wenn wir selbst noch zu klein sind oder keine geeigneten Kandidaten in den Reihen haben, so kann es aber durchaus sein, dass wir als Partei einen geeigneten Kandidaten aus einem anderen politischen Lager oder einen unabhängigen Kandidaten unterstützen. Bei den letzten Wahlen in Oberhavel erzielten wir zweistellige Ergebnisse. Die Menschen vertrauen uns und unserer Meinung und so kann es wahlentscheidend sein, für welchen Kandidaten wir uns vom BSW aussprechen. Vielleicht auch in Zehdenick.
BF: Wann werden Sie Ihrer Ansicht nach dazu in der Lage sein?
H. Lehmann: Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Kurzfristig sicher nicht.
BF: Wird es denn zur nächsten Bundestagswahl – möglicherweise schon deutlich vor 2029 – Direktkandidaten des BSW im Wahlkreis Oberhavel-Havelland II geben?
H. Lehmann: Ja, das hoffe ich doch sehr. Wenn wir früher mehr Mitglieder aufgenommen und dann noch Kandidaten aus der Region präsentiert hätten, wäre uns der Sprung über die 5%-Hürde auch mit Zählfehlern gelungen. Insofern muss die Aufstellung von Direktkandidaten für die nächste Bundestagswahl ein ganz wichtiges Ziel werden.
BF: Auf Ihrer Flatower Rede am 29.11.25 äußerten Sie sich im Beisein Ihrer Landesvorsitzenden sehr differenziert über die Vor- und Nachteile der aktuellen Regierungsbeteiligung in Brandenburg. Können Sie diese Ambivalenz Ihrer Einschätzung für die Leser der BF noch einmal darlegen?
H. Lehmann: Das BSW hat unglaubliche Erfolge erzielt und es ist die erfolgreichste Neugründung einer Partei nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland. Wir sind im ersten Jahr der Gründung sofort ins Europaparlament und in drei ostdeutsche Landtage eingezogen. In Brandenburg und Thüringen war die Situation so verrückt, dass wir sogar in Regierungsverantwortung kamen. Das hat uns alle überrascht. Ich bin ein großer Fan von Beteiligung und Veränderung. Das kann man am besten, wenn man in der Regierung und nicht in der Opposition sitzt. Allerdings erfordert eine Koalition immer auch Kompromisse und Einigungen. Zum Teil muss man dabei von eigenen Überzeugungen und Zielen etwas abweichen. Das fällt unheimlich schwer und ist nicht immer leicht vermittelbar. In unseren Reihen sind viele Unterstützer und Mitglieder, die zum ersten Mal in einer Partei organisiert sind. Sie wollten ganz bewusst anders sein als die bisherigen Parteien und haben Sorge, dass mit den Kompromissen und Zugeständnissen das eigene Profil verlorengeht. Für diese Herausforderungen gibt es keine einfachen Lösungen. Es braucht vielmehr viel Zeit, Verständnis und Geduld, um unterschiedliche Meinungen zu hören, zu verstehen und zu akzeptieren. Und wir brauchen natürlich auch noch Erfahrung, um politisch erfolgreich zu agieren und auch unsere Ziele noch stärker in die Regierungsarbeit einzubringen und diese Erfolge dann auch nach außen darzustellen.
BF: Herr Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Jan Müggenburg für die Brandenburger Freiheit.