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Den Kulturbahnhof mit Leben füllen – aber wie?

Hohen Neuendorfs neues Kulturzentrum war nicht nur teuer. Es bietet den Bürgern verschiedene Möglichkeiten, das Objekt nach eigenen Vorstellungen zu beleben. Die entscheidende Lücke unter den Veranstaltungsräumen der Stadt füllt es jedoch nicht.

Kommentar.

Die Politik war unmissverständlich. Zur Eröffnung des Hohen Neuendorfer Kulturbahnhofs forderten Bürgermeister Apelt und SVV-Vorsitzender Weiland die Bürger der Stadt auf, das Haus mit Leben zu füllen. Tatsächlich befinden sich in dem Objekt neben der Stadtbibliothek und
einem Backshop neue Räume, die die Hohen Neuendorfer für Veranstaltungen und andere Aktivitäten nutzen können.

Nach Angaben der Stadtverwaltung hat der größte Raum („1.05“) eine Fläche von ca. 100m2. Stehend finden dort 80 Teilnehmer Platz. Sitzend sind es 40 Teilnehmer – mit der richtigen politischen Gesinnung vielleicht 50. Der Raum ist mit einem Beamer (HDMI-Schnittstelle) und Audio-Technik ausgerüstet. Der bewusst fensterlos gehaltene Raum kann also auch für Filmvorführungen genutzt werden.

Neben dem Flaggschiff, Raum 1.05, wäre dann noch der „Proberaum 2“ im Kellergeschoss zu nennen. Mit ca. 60qm ist aber auch dieser Raum eher für sehr kleine Veranstaltungen und Workshops prädestiniert. Die Größe der übrigen Räume liegt im Bereich von etwa 20-25qm. Sie sind für Besprechungen und kleinere Workshops geeignet.

mehr“ ist manchmal „weniger“

Das war’s. Neue Kapazitäten im Bereich mittlerer Veranstaltungen (100-200 Teilnehmer) bietet das 9,3 Mio. Euro teure Objekt nicht. Trotz der horrenden Ausgabe schließt der Kulturbahnhof eine eklatante Bedarfslücke in diesem Segment nicht. Im Gegenteil. Mit der im Mai in Kraft getretenen Benutzungs- und Entgeltordnung wird die Zahl der Veranstaltungen im Ratssaal inkl. Foyer auf max. 12 pro Jahr beschränkt. Die Verwaltung gibt die max. Teilnehmerzahl für diese Räume mit 199 an.

Zur Nutzung des Ratssaales und Foyers machte die Stadtverwaltung auf Anfrage des Stadtverordneten Steffen Fiedler [1] folgende Angaben: 22 Veranstaltung im Jahr 2023, 26 Veranstaltungen im Jahr 2024, im Durchschnitt also 24 Veranstaltungen pro Jahr. Mit einer
Nutzungsbeschränkung auf 12 Veranstaltungen im Jahr, nahm die Verwaltung faktisch eine Halbierung der Kapazitäten im Engpassbereich der mittleren Veranstaltungen (100-200 Teilnehmer) vor.

Die Brandenburger Freiheit publiziert als Bürgerinitiative für unabhängigen Bürgerjournalismus vor allem im digitalen Raum. Dessen ungeachtet werden Veranstaltungen in der analogen Welt organisiert, um den sozialen Kontakt und den zwischenmenschlichen Austausch zu fördern. Mit der Organisation von zahlreichen Veranstaltungen für die Initiativen Oberhavel-Steht-Auf und Brandenburger Freiheit seit 2023 verfügt der Verfasser über umfangreiche Erfahrungen in diesem Gebiet.

Schlüsselbegriff „Kultur“

Hinzu kommt noch ein ungewöhnliches Schlüsselverhältnis bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Veranstaltungen, dessen Auswirkungen sich heute noch gar nicht vollends abschätzen lassen. Die neuen Räume des Kulturbahnhofs sollen zu 60% der Kultur und/oder sozialen Integration gewidmet sein [1]. Was genau darunter zu verstehen ist, werden Interessenten wohl erst dann erfahren, wenn sie bei einer Raumanfrage auf den Widerstand der Verwaltung stoßen.

Im letzten Jahr hatte die Verwaltung noch ein eigenwilliges Verständnis vom Kulturbegriff an den Tag gelegt, um die Ablehnung einer Lesung mit dem ehemaligen Tagesschau-Redakteur Alexander Teske zu begründen. Seinerzeit beschränkte die Verwaltung Kultur auf den Unterhaltungszweck. Musik, bildende Künste, Literatur gehörten nach ihrer Auffassung dazu, Literatur aber auch nur dann, wenn sie den Förderrichtlinien der Bundesregierung entsprach. Die BF berichtet hier [3].

In der aktuellen Nutzungsordnung [1] bleibt die Stadtverwaltung bei ihrer antiquierten Auffassung von „Kultur“, verzichtet aber auf den Unsinn, Literatur an die Förderrichtlinien der Bundesregierung zu knüpfen. Immerhin. Positiv darf man wohl auch die Äußerung des SVV-
Vorsitzenden Dr. Raimund Weiland bewerten, der in seiner Rede auf der Eröffnungsfeier am 04.07.26 dazu aufrief, darüber nachzudenken, was wir unter Kultur und Kunst eigentlich verstehen.

Weilands Aufruf ist insofern bemerkenswert, als dass die Debatte um die Teske-Lesung seinerzeit nur wenige SVV-Abgeordnete interessierte. Den zwischenzeitlichen Tiefpunkt in der Diskussion markierte damals die Vorsitzende des Kulturbeirates – einer Art Beratergremium für die SVV in kulturellen Fragen. Auf Nachfrage, was der Beirat unter Kultur verstehe, antwortete sie dem Verfasser, man wisse es nicht und wolle sich damit auch nicht befassen. Dabei ist sich „die Wissenschaft“ in diesem Punkt längst einig: Kultur ist alles, was der Mensch geschaffen hat. [4].

Räume in Schulen

Räume für mittelgroße Veranstaltungen sind in Hohen Neuendorf durchaus vorhanden. Allen voran ist hier die Mensa der Waldgrundschule zu nennen. Zwei mal war der Verfasser als Veranstalter in der Mensa und fand dort hervorragende Bedingungen. Mit fast 100 Teilnehmern bei einer Lesung mit Michael Andrick sowie gut 140 Teilnehmern bei einem Vortrag von Volker Eyssen zum Dual-Fluid-Reaktor waren beide Veranstaltungen ein voller Erfolg. Für diese Bewertung gab weniger die Teilnehmerzahl den Ausschlag. Entscheidend war vielmehr die völlig heterogene
Zusammensetzung des Publikums. Eine Seltenheit in Zeiten sozialer Netzwerke mit ihrem Hang zur Bildung selbstreferenzieller Teilöffentlichkeiten (sogen. Blasen).

Nach dem zweiten Mal war dann leider Schluss. Für eine dritte, seinerzeit bereits beantragte Veranstaltung versagte die Schulleitung die Zustimmung. Auch wenn die Stadt Träger der Einrichtung ist, muss die Schulleitung nach dem Brandenburger Schulgesetz dafür ihre Genehmigung erteilen. Ein paar Anrufe aufmerksamer Wächter über die Wirkung alternativer Meinungen genügten und die Schulleitung knickte ein. #UnsereDemokratie.

Das muss natürlich nicht bedeuten, dass Veranstaltungen zur Stützung von Regierungsnarrativen dort nicht stattfinden können. Anhänger von Massenüberwachung, Aufrüstung, Impfkampagnen, Freiheitseinschränkungen und einer Politik des Wohlstandsverzichts erhalten vielleicht Zugang. Ein Versuch könnte sich lohnen. Die Bedingungen waren wirklich hervorragend. Die Brandenburger Freiheit wird gerne berichten.

[1] https://hohen-neuendorf.de/sites/default/files/beteiligungsverfahren/benutzungs-_und_entgeltordnung.pdf
[2] Vorlage AF 031/2025, https://ratsinfo-online.net/hohenneuendorf-bi/vo040.asp
[3] https://brandenburgerfreiheit.de/stadtverwaltung-hohen-neuendorf-verhindert-lesung-mit-alexander-teske/
[4] https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320694/kultur/

Text und Foto: Jan Müggenburg

www.brandenburgerfreiheit.de

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