Während des Zweiten Weltkrieges und danach wurden viele Menschen aus den deutschen Ostgebieten vertrieben. Dieses Schicksal ereilte auch die Veltenerin Brigitte M. Sie war zweieinhalb Jahre alt, als die Familie im Frühjahr 1945 Hals über Kopf nur mit dem Nötigsten den heimischen Hof in Heinersdorf im Kreis Oststernberg (damals Provinz Brandenburg) verlassen musste und nach Velten kam. Hier hat sie den Bau der Mauer, die DDR und auch den Fall der Mauer und damit einhergehend die deutsche Wiedervereinigung erlebt. Durch gemeinsame Gespräche kam die Idee auf, die Erfahrungen und Erlebnisse aufzuschreiben.
BF: Ihre Familie gehörte zu den vielen tausenden Menschen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat aufgrund von Gebietsansprüchen Polens unfreiwillig verlassen mussten. Sie waren damals zweieinhalb Jahre alt und lebten mit ihren Eltern, der Großmutter und ihren Geschwistern Helmut und Renate (damals 10 und 5 Jahre alt) auf einem Bauernhof in Heinersdorf (heute Drogomin/Polen). Haben Sie Erinnerungen an das, was damals geschah?
Brigitte M.: Ich war noch zu klein, um mich zu erinnern und habe lediglich Erinnerungen an die Erzählungen meiner Familie. Meine Mutter war gerade auf dem Feld, um Kartoffeln zu setzen, als der Bürgermeister ganz aufgeregt zu ihr kam und sagte, dass wir so schnell wie möglich den Hof verlassen sollten, da die Russen und Polen bald da seien. Sie packte die nötigsten Dinge wie etwas Kleidung, Decken sowie Essen und Trinken ein. Ich wurde in einen Handwagen gesetzt. Es hieß, dass wir auf der westlichen Seite der Oder sicher seien. Wir waren zu fünft. Meine Großmutter, meine Mutter, meine beiden Geschwister und ich. Mein Vater musste bleiben. Er wurde als Zwangsarbeiter zur Versorgung des Hofes festgehalten und durfte nicht mitkommen. Unser Ziel war es irgendwie auf die andere Seite der Oder zu kommen. Mein Bruder sagte immer, dass wir nicht mehr als zehn Kilometer am Tag laufen konnten. In den Aufzeichnungen meiner Mutter steht, dass wir in der Nähe von Görlitz auf die andere Seite des Flusses kamen.Wie lange wir genau bis dorthin brauchten, kann ich nicht genau sagen. Es passierten unterwegs jedoch schreckliche Dinge. Meine Oma brach auf dem Weg zusammen und starb. Wir mussten sie am Wegesrand beerdigen. Einmal gab es eine Begegnung mit russischen Soldaten. Sie schickten meine Schwester und meinen Bruder weg.Vermutlich haben sie meine Mutter vergewaltigt. Sie hat nie darüber gesprochen.
Wir schliefen unter freien Himmel, in Scheunen oder in größeren Ortschaften in Sälen und Hallen mit anderen Menschen, die wie wir vertrieben worden waren und sich auf der Flucht befanden. Einmal klingelte meine Mutter an der Tür einer Villa und hoffte auf Hilfe. Eine sehr freundliche Frau öffnete und bat uns hinein. In dem Haus gab es ein Badezimmer mit einer Badewanne. So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen. Wir durften ein Bad nehmen und wurden mit Essen versorgt. So viel Glück hatten wir nicht immer. Oft wurden wir abgewiesen. Mein Bruder war immer auf der Suche nach Essbarem für uns.
Irgendwann kamen wir in Berlin-Tempelhof an. Dort lebte eine Schwester meiner Mutter mit ihrer Familie. Wir konnten ein paar Tage unterkommen, mussten dann aber weiterziehen. Es wurde uns im Rathaus angeraten, auf die Dörfer um Berlin herum auszuweichen. So kamen wir nach Velten. Mein Onkel hat uns begleitet. Die Strecke haben wir per Straßenbahn und S-Bahn zurückgelegt.
Uns wurde ein Zimmer in einem Haus in der Lindenstraße Richtung Pinnow bei einem alten Mann zugewiesen. Wir schliefen auf Strohsäcken und meine Mutter konnte die Küche im Haus mitbenutzen. Wasser und eine Toilette gab es außerhalb des Hauses. Im Januar 1946 kam dann mein Vater zu uns. Er war sehr krank und verstarb im März 1946 an einer Rippenfellentzündung.
Im September 1946 bekamen wir über das Wohnungsamt eine kleine Wohnung in der Bergstraße bestehend aus einer Stube mit Ofen, einer Kammer sowie einer kleinen Küche zugewiesen.
Meine Mutter musste den Lebensunterhalt für uns allein bestreiten. Sie hat bis zu ihrer Rente immer schwer und viel arbeiten müssen. Eine ihrer Arbeitsstellen war der Hafen in Velten. Dort wurden Steine für die Ofenfabrik verladen. Zwischendurch arbeitete sie auch für einen Bauern. Dort erhielt sie auch Lebensmittel wie Fleisch als Lohn. Die letzten Jahre bis zur Rente im Jahr 1965 hat sie in der Ofenfabrik Wollschläger gearbeitet. Ihre Aufgabe war es die Kacheln zu sortieren und abzufegen. Sie hat uns Kindern immer gesagt, dass es sehr wichtig ist, einen Beruf zu erlernen.
Ich ging die Zeit bis zu meiner Einschulung in die evangelische Kindertagesstätte in Velten. Meine Schwester musste im Alter von sieben Jahren zu einer Tante nach Beeskow. Damit sollte meine Mutter entlastet werden. Die Tante hatte keine Kinder. Wir haben sie dort regelmäßig besucht. Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang nie eine Reise gemacht. Nur einmal hat sie ihre Schwester in den 1970-iger Jahren in Hamburg besucht. Diese war aus Berlin-Neukölln damals weggezogen, weil so viele türkische Gastarbeiter nach Berlin kamen.
Meine Mutter hat die Zeit während der Rente immer als die schönste Zeit in ihrem Leben bezeichnet. Sie ist dann im Jahr 2000 im Alter von knapp 95 Jahren verstorben.
BF: Wie war die Zeit damals für Sie als „Flüchtlingskind“ ?
Brigitte M.: Ich wurde 1949 in die Hildebrand-Grundschule (heutige Linden-Grundschule) eingeschult. Die Klasse war sehr groß. Die älteren Lehrer ließen uns „Flüchtlingskinder“ schon spüren, dass wir nicht willkommen waren. Die Eltern der „bessergestellten“ Kinder hatten häufig Bauernhöfe und gaben für die Lehrer ab und an etwas mit. Es kamen dann aber auch jüngere Lehrer nach, bei denen keine Unterschiede mehr gemacht wurden. Da hat mir die Schule dann Spaß gemacht. Wenn ich nach dem Unterricht nach Hause kam, war meine Mutti arbeiten. Ich habe dann meistens nur meine Schulmappe abgelegt und bin raus zum Spielen gegangen. Manchmal habe ich aber auch die Schule geschwänzt. Wir wurden von alten Veltenern als Polacken bezeichnet.
Mein älterer Bruder hatte in Bezug auf meine Erziehung die Vaterrolle übernommen. Das bedeutete, dass wenn ich meine Aufgaben nicht erledigte oder zu spät nach Hause kam, er mich ausschimpfte und auch mal handgreiflich wurde.
Einmal lernte meine Mutter einen Mann kennen, der sie vermutlich auch geheiratet hätte. Er wollte uns Kinder jedoch nicht mit in die Ehe nehmen. Das kam für meine Mutter aber nicht in Frage. So blieb sie dann bis zum Lebensende ohne Partner.


BF: Wie viele Jahre haben Sie die Schule besucht und was haben Sie danach gemacht?
Brigitte M.: Ich bin acht Jahre zur Schule gegangen und habe sie im Alter von 14 Jahren verlassen. Mit meiner besten Freundin, die ich im Ferienlager kennengelernt hatte, sind wir mit dem Fahrrad nach Oranienburg gefahren. Dort gab es in dem heutigen Amtsgerichtsgebäude eine Lehrstellenvermittlung. Wir wurden nach Berlin-Pankow in eine Fleischerei in der Wollankstraße vermittelt und haben dort eine zweijährige Ausbildung zur Verkäuferin absolviert. Zur Arbeit sind wir immer mit der S-Bahn gefahren. Die Strecke führte über den sogenannten „Eier-Bahnhof“ Hennigsdorf-Süd. Der Bahnhof wurde so genannt, weil dort häufig Eier und Geflügel an Westler verschoben wurden. Deshalb wurden immer Ausweiskontrollen durchgeführt. Die Berufsschule befand sich in Rummelsburg. Unser monatlicher Lohn betrug im ersten Lehrjahr ungefähr 50 Mark.
An ein Erlebnis erinnere ich mich noch ganz genau. Im Alter von 16 Jahren hatte ich mir eine wunderschöne gelbe Lederoljacke für umgerechnet 100 Mark in Berlin-Gesundbrunnen gekauft. Lederol ist ein Lederimitat. Ich hatte dafür gespart und trug sie mit Stolz. Eines Tages, es war um Ostern herum, wurde ich von einem Zollbeamten angesprochen. Ich musste aussteigen und in einer Baracke kontrollierte er dann den Inhalt meiner Tasche. Ich hatte Ostereier, Marzipan und eine Mokkatasse dabei. Er wollte wissen, woher ich die Sachen und auch meine Jacke hatte. Ich antwortete, dass ich alles von meiner Tante geschenkt bekommen habe, denn es war nicht erlaubt im Westen einzukaufen. Mit meinen 16 Jahren war ich sehr ängstlich gegenüber dem Mann in der Uniform. Er wollte den Namen meiner Tante wissen und ließ mich dann gehen.
Ungefähr zwei Wochen später kam der Polizeiabschnittsbevollmächtigte zu uns nach Hause. Ich war nicht anwesend. Er belehrte sie und drohte ihr, dass wenn sie die Jacke nicht herausgeben würde, ich in den Jugend-Werkhof komme. Das war ein Erziehungsheim. Meine Mutter übergab ihm dann die Jacke.
BF: Im August 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut. Sie mussten täglich von ihrem Zuhause in der sowjetisch besetzten Zone in die Wollankstraße fahren, die zur Zone der Westalliierten gehörte. Wie haben Sie den Mauerbau erlebt und welche Folgen hatte er für Sie?
Brigitte M.: Am 12. August 1961 wollte ich mit Freunden nach Berlin zum Tanzen fahren. Doch wir kamen nicht weit. Am Eier-Bahnhof mussten wir aussteigen. Es war nicht mehr gestattet mit der S-Bahn durch Berlin zu fahren und es hieß, dass nachts alle Grenzen geschlossen werden. Wir konnten das nicht glauben und haben gesagt, dass die doch nicht ganz Deutschland absperren können. Jedoch wurden wir eines besseren belehrt. Meine Arbeitsstelle in der Wollankstraße konnte ich dann nur noch mit einem Bus erreichen. Ich habe sie nach 14 Tagen kündigen müssen.
BF: Wie ging es danach für Sie weiter und wie haben Sie den Alltag in der DDR erlebt?
Brigitte M.: Ich habe eine Arbeitsstelle in der Bäckerei Schröder (später Hübsch) als Verkäuferin gefunden. Dort blieb ich ca. drei Jahre und wechselte dann in den Betrieb „Schwingungstechnik“ als Werkstattschreiberin für die Lohnabrechnungen. 1967 habe ich geheiratet. Meinen Mann hatte ich bereits im Alter von 16 Jahren kennengelernt. Wir haben uns allerdings aus den Augen verloren, da er einige Jahre als Matrose bei der Armee war. Er hatte zwischenzeitlich auch geheiratet und seine damalige Frau durch ein schweres Unglück verloren. In der Bergstraße haben wir uns dann zufällig wiedergetroffen und kamen zusammen. Im März 1967 haben wir geheiratet und unsere Tochter wurde im September des gleichen Jahres geboren.
Ich blieb drei Jahre zu Hause. Dann kam meine Tochter in den Kindergarten und ich habe als Verkäuferin für Teppiche in der HO-Verkaufsstelle in der Viktoriastraße angefangen zu arbeiten. Dort blieb ich bis zu meinem 58. Lebensjahr. Ich musste dann aufhören, um meine kranke Mutter zu pflegen. Mit 60 Jahren bin ich in Rente gegangen.
Mit meiner Familie zog ich 1969 in ein Haus. Dort habe ich bis 2018 gelebt. Wir mussten dann ausziehen, da mein Mann im Jahr 2012 sehr krank wurde und das Haus mit dem Garten für mich allein zu schwer zu bewirtschaften war. Mein Mann erlag seiner Krankheit im Herbst 2020.
In der DDR gab es eine Lebensmittel-Grundversorgung für die Bevölkerung. Allerdings gab es keine Südfrüchte zu kaufen. Wenn ich etwas brauchte, habe ich es in der Regel auch bekommen. Man kannte seine Leute und hat sich gegenseitig geholfen. In der Teppich-Verkaufsstelle, in der ich tätig war, gab es meistens nur Auslegware für maximal zwei Haushalte. Mehr wurde pro Woche nicht geliefert. Es war oft sehr schwierig der Kundschaft gerecht zu werden.
BF: Am 9. November 1989 fiel die Mauer und die Grenzen wurden wieder geöffnet. Wie haben Sie davon erfahren?
Brigitte M.: Meine Tochter stand um Mitternacht mit Bohnenkaffeee in der Tasche vor unserer Tür. Ich konnte es nicht glauben und bin davon ausgegangen, dass es nicht lange anhalten wird. Mein Mann und ich sind ein paar Tage später mit dem Bus nach Hennigsdorf und dann weiter über Stolpe-Süd nach Heiligensee und Tegel gefahren. Es war ziemlich kalt. Ich hatte Absatzschuhe angezogen, um schick auszusehen, wenn ich in den Westen fahre. Wir waren zuerst in einer Bank in Tegel, um die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen. Doch die Bank war überfüllt. Deshalb sind wir zum Rathaus Reinickendorf weitergefahren. Danach ging es wieder nach Hause.
BF: Was hat sich nach der Wende für Sie geändert?
Brigitte M.: Es fielen Freundschaften auseinander. Man war nicht mehr aufeinander angewiesen und benötigte die Hilfe der anderen nicht mehr. Zu DDR-Zeiten haben die Menschen mehr zueinander gehalten. Jetzt dachten viele sie müssten die Größten sein.
Mein Mann und ich erhielten im Sommer 1991 dann Post von einer Familie aus West-Deutschland. Sie erhoben Anspruch auf unser Haus und forderten sogar Miete von uns. Es war eine sehr belastende Zeit, bis die Angelegenheit geklärt wurde. Wir mussten dann eine Geldsumme, welche von der Stadtverwaltung festgelegt wurde, an den ehemaligen Eigentümer entrichten. Mein Mann erkrankte durch den ganzen Stress an einer schweren Kopfrose.
Für mich war es schwer verständlich, dass es möglich war, dass diese Menschen vermögensrechtliche Ansprüche an unser Haus stellen konnten. Meine Familie musste 1945 Haus und Hof im heutigen Polen verlassen. Es war in der DDR nicht möglich Schadensersatz dafür zu erhalten. Überhaupt wurden die Vertreibungen aus den Ostgebieten in der DDR nicht thematisiert. Wir erhielten erst nach der Wende eine Entschädigung in Höhe von 4.000 DM.
BF: Kennen Sie Ihren Geburtsort im heutigen Polen und haben Sie ihn besucht?
Brigitte M.: Ich war einmal in den 1990-iger Jahren dort. Jedoch ist von unserem Geburtshaus bis auf die Grundmauern nichts mehr vorhanden. Ich würde gerne nochmal hinfahren. Vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit.
BF: Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, würden Sie sagen, dass Sie ein gutes und zufriedenes Leben geführt haben?
Brigitte M.: Ich bin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und habe als Kind nicht alles bekommen, was ich wollte. Mein Leben hatte Höhe und Tiefen. So ist es bei den meisten Menschen. Man sollte immer wertschätzen was man hat. Wir hatten in der DDR nicht viel. Große Reisen konnten wir nicht machen. Mal fuhren wir mit dem FGDB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund der SBZ) an die Ostsee oder in die Sächsische Schweiz. 1985 durfte ich ein paar Tage nach Westdeutschland zum 95.Geburtstag meiner Tante reisen. Vorher wurde jedoch mein ganzes Umfeld abgefragt. Wir haben sehr gerne in netter Gesellschaft in der Familie, mit Freunden oder auch im Betrieb gefeiert. Dieses Miteinander hat sehr zu meiner Lebenszufriedenheit beigetragen. Es gab immer gegenseitige Unterstützung und es spielte keine Rolle, wer was darstellte beziehungsweise was er besaß.
BF: Was würden Sie jungen Menschen heute mit auf den Weg geben?
Brigitte M.: Lerne, spare, leiste was! So kannst Du, hast Du, bist Du was.
BF: Vielen Dank für das Gespräch!
Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
Bild 1 : Selbstgenähter Brustbeutel der Mutter mit Notizheft, in dem die Namen der Familienmitglieder vermerkt waren und eine Kette.
Bild 2 : Briefe und Aufzeichnungen der Mutter
Das Gespräch führte Gabriele Schade für die BF.
Fotos: Gabriele Schade.
