Benjamin Lemke ist Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Vor seinem Vortrag am 30.01.26 in Oranienburg sprach die Brandenburger Freiheit mit Lemke über Propaganda als Mittel zur Militarisierung der Gesellschaft, über den Wert von Wahlumfragen und das Versagen der organisierten Linken.
BF: Mit dem Titel Ihres Vortrages „Von der Glückssüchtigkeit zur Kriegsbereitschaft“ nehmen Sie Bezug auf eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck aus dem Jahre 2012. Lag Gauck mit seiner Analyse falsch oder ist Kritik an der Spaß- und Konsumgesellschaft nicht doch auch irgendwo berechtigt?
Lemke: Pfarrer Gauck hat keine wissenschaftliche Analyse vorgelegt, sondern nutzte einen Diskurs einiger Sozialwissenschaftler in den 1990er Jahren. Der Bamberger Soziologe Bernhard Schulze wählte dafür den Begriff „Erlebnisgesellschaft“. Wichtig hier ist, dass dieser Diskurs bereits die Plattform für Gauck darstellt, um seine Propaganda-Parole von der Glückssüchtigkeit zu platzieren. Es wird diffamiert, was Menschen freiwillig und gerne machen. Und Gauck geht in seiner Rede noch einen Schritt weiter. Er verlangt, dass sich die deutsche Bevölkerung wieder mehr an Kriegseinsätze und eigene tote Soldaten gewöhnen müsse.
BF: Politik und Medien rüsten EU-weit propagandistisch auf, um die Bevölkerung auf einen Krieg einzustimmen. Wo steht nach Ihrer Ansicht der angestrebte Mentalitätswechsel? Lassen sich die Menschen ein weiteres Mal in einen weiteren Krieg treiben?
Lemke: Der Mentalitätswechsel ist ein Versuch, die Bevölkerung zur Zustimmung für einen Krieg zu bringen. Und wenn es mit der Zustimmung nicht so klappen sollte, dann versucht die Regierung eine Duldung, ein Stillhalten zu erreichen. Klar ist jedoch auch, dass sie dafür ein hohes Maß an Repression benötigt. Das ist bereits 1919 nachzulesen bei dem Wiener Psychologen und Psychoanalytiker Alfred Adler „Auf der anderen Seite“.
Wie die jetzt Haltung der Bevölkerung aussieht, könnte man empirisch über Befragungen erfassen. Allerdings haben diese Untersuchungen stets auch die Problematik, dass die Befragten häufig das sagen, von dem sie wissen, dass sie es sagen sollen.
BF: Sie meinen, die Leute machen bei solchen Umfragen bewusst falsche Angaben? Wie gehen dann Demoskopen bei Umfragen zum Wahlverhalten damit um, insbesondere bei der sogen. „Sonntagsfrage“? Kann man solchen Umfragen überhaupt noch trauen?
Lemke: Befragte neigen dazu, sozial erwünschte Antworten zu geben, statt ihre ehrlichen Meinungen preiszugeben. Dies tritt besonders bei sensiblen Themen wie Wahlpräferenzen oder politischen Einstellungen auf. Bei der Sonntagsfrage führt das häufig zu Über- oder Unterberichten von Parteizugehörigkeiten, da Wählerinnen und Wähler „prosozial“ antworten wollen. Darüber hinaus gibt es Phänomene wie Zustimmungstendenz oder eine Neigung zu Extremantworten, unabhängig vom tatsächlichen Standpunkt. Dabei ist jedoch nicht anzunehmen, dass Befragte bewusst falsch antworten; vielmehr wirkt soziale Erwünschtheit meist unbewusst.
Um die Vertrauenswürdigkeit von Umfrageergebnissen, sowie den oft fließenden Übergang von Meinungsforschung zur Meinungsgestaltung einschätzen zu können, empfehle ich, die politische Nähe bestimmter Umfrage-Institute zu etablierten Parteien oder Medienanstalten zu berücksichtigen.
BF: Eine Frage an Sie als Psychologen: Warum fällt es Menschen so schwer zu erkennen, was ihre eigenen Interessen sind und dass ein Krieg ihren ureigensten Interessen widerspricht?
Lemke: Sie gehen dabei von einer falschen Annahme aus. Die Menschen wissen sehr wohl, was ihre Interessen, was ihre Bedürfnisse sind. Gleichzeitig wissen sie aber auch, dass sie sie nicht durchsetzen können gegenüber den Mächtigen. Fatal ist, dass die Menschen davon ausgehen, dass sie nichts dagegen machen können. Als gesellschaftskritische Psychologen stellen wir uns daher die Frage, woher kommt dieses Denken?
Eine vorläufige Antwort ist, dass die organisierte Linke, von der man zumindest erwartet hat, dass sie ein Stück auf der Seite der Bevölkerung steht, sich vollends auf die Seite der Mächtigen geschlagen und die maßnahmenkritischen Menschen in der Corona-Pandemie-Inszenierung allein gelassen hat.
BF: Können Sie den einfachen Medienkonsumenten Ratschläge mit auf den Weg geben, Propaganda als solche zu erkennen?
Lemke: Ziel jeder Propaganda ist ja, dass sie von niemandem als Propaganda erkannt wird, weder für den einfachen noch für den breiter aufgestellten Medienkonsumenten. Ein Ansatz ist daher, die Macher von Propaganda zu benennen, von der staatstragenden FAZ bis zu einer scheinbar oppositionellen Zeitung wie die jungeWelt. Wir können aufzeigen, wie Propaganda arbeitet. Der französische Soziologe Jacques Ellul spricht von „psychologischer Kristallierung“: diffuse Gefühle und Meinungen werden in feste, schwer veränderbare Einstellungen überführt, zum Beispiel über Aufrufe zum Kampf für Freiheit und Vaterland, für Demokratie und Sicherheit. Das kann Denken und Fühlen voneinander trennen, die Menschen von ihren realen Sorgen, Ängsten und Nöten ablenken und ein Bedürfnis nach weiterer Propaganda erzeugen.
Drei Faktoren können helfen, Propaganda nicht zu folgen: Vertrauen auf die eigene Erfahrung, epistemisches Misstrauen bei offiziellen Verlautbarungen und eine gelockerte Loyalität gegenüber einem Staat, der kapitalistische Verhältnisse absichert.
BF: Sie sind Vorsitzender des Vereins Neue Gesellschaft für Psychologie e.V. (www.ngfp.de) Womit befasst sich der Verein und warum wurde er überhaupt gegründet?
Lemke: Als die NGfP gegründet wurde, war ich noch in der Grundschule. Die Gründung haben politisch links orientierte Professorinnen und Professoren übernommen, die die akademische Psychologie in Deutschland erneuern wollten, indem sie die gesellschaftliche und historische Bedingtheit des Psychischen betonten. Jährliche Kongresse zu relevanten gesellschaftlichen Themen dienen der Aufklärung im oben genannten Sinne, der kritischen Selbstüberprüfung der Intellektuellen und der interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Dieses Jahr lautet vom 26. Bis 29. März das Kongressthema „Rasende Zerstörung“, das sich mit den Ursachen und Folgen der aktuellen Kriegsvorbereitung befasst. Die Anmeldung zur Teilnahme ist ab sofort über die Homepage möglich: www.ngfp.de und wir freuen uns schon sehr, mit spannenden Referenten und interessierten Teilnehmern zu diskutieren.
BF: Hr. Lemke, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jan Müggenburg für die Brandenburger Freiheit.
