Der AfD-Kommunalpolitiker Thomas Kay ist Stadtverordneter in Hohen Neuendorf sowie Kreistagsabgeordneter in Oberhavel. Im vergangenen Jahr wurde bei ihm eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert und er musste sich einer Operation unterziehen, die nicht folgenlos blieb. Durch zwei Schlagfälle unmittelbar danach ist er stark sehbehindert und schwerhörig. Für ihn bedeutet das jedoch nicht, sich aus dem politischen Geschehen zurückzuziehen.
BF: Herr Kay, wenn man mit Ihnen spricht, merkt man schnell, dass Sie über ein sehr tiefgründiges Wissen über die deutsche Politikgeschichte verfügen. Außerdem sind Sie seit sehr vielen Jahren in der Kommunalpolitik Oberhavels präsent. Sind Sie in einer Familie aufgewachsen, in der Politik eine große Rolle spielte? Woher rührt dieses Interesse dafür?
H. Kay: Ich bin 1969 in West-Berlin geboren und wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Meinungsfreiheit ein hohes Gut war. Bei uns wurde täglich Zeitung gelesen und mein Vater hatte den Spiegel abonniert. Es war üblich, dass die ganze Familie zum Abendessen zusammenkam und darüber gesprochen wurde. Als junger Mensch hat es mich sehr beschäftigt, dass Deutschland geteilt war. Ich konnte nie das Grab meines Großvaters in Wartenberg/Hohenschönhausen besuchen, da es die Mauer gab. Deshalb war es mir ein großes Anliegen mich schon als Heranwachsender mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten BRD und DDR zu beschäftigen. Entgegen der Empfehlung meines Vaters kam es dann, dass ich schon mit knapp 13 Jahren zu einer Versammlung des SPD-Ortsverbandes in Alt-Tempelhof ging, um dort meine Gedanken zu diesem Thema mitzuteilen und Fragen zu stellen. Ich ging davon aus, dass dort im Geiste Ernst Reuters und Kurt Schumachers Politik gemacht wird. Doch ich wurde herb enttäuscht. Man bezeichnete mich als dummen Jungen und meine Vorstellungen eines geeinten Deutschlands würden zu Krieg führen. Ich war zutiefst bestürzt darüber und verstand die Welt nicht mehr. Schließlich stand doch im Grundgesetz das Wiedervereinigungsgebot geschrieben. Mein Vater kannte jemanden bei der CDU und deshalb hatte ich die Möglichkeit auch dort mein Anliegen vorzutragen. Die Antworten waren ähnlich wie bei der SPD; nur nicht so aggressiv. Ein bis zwei Jahre später hatte ich dann noch ein Erlebnis im Geschichtsunterricht. Der Lehrer war politisch weit links verortet. Wir nahmen im Unterricht, es war im Mai, gerade das Thema Ägyptologie durch. Da der Lehrer den 8. Mai als ein geschichtsträchtiges Datum ansah, wurde kurzum das Unterrichtsthema geändert. Der 17. Juni war für ihn dann scheinbar nicht so wichtig und ich fragte ihn, ob wir diesen Tag nicht auch thematisieren könnten. Er gab mir eine unfreundliche ablehnende Antwort. Ich habe ihn dann als vaterlandslosen Gesellen bezeichnet. Mein Vater musste mich von der Schule abholen. Als „Strafe“ musste ich einen Vortrag halten und mich vom Nationalismus distanzieren. Der Lehrer war verbeamtet und hatte auf das Grundgesetz geschworen. Das passte nicht zusammen.
BF: Was war der Grund dafür, dass Ihr Vater Sie nicht darin bestärkt hat, sich politisch zu engagieren?
H. Kay: Mein Vater war ein Teilnehmer des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953. Er war damals 17 Jahre alt und kämpfte mit seinen Mitstreitern mit bloßen Händen gegen Panzer. Sein Kollege wurde am Alexanderplatz mit einem Gewehrkolben erschlagen. Bei dem Aufstand wurde sowjetisches Militär eingesetzt. Der Ausgang ist bekannt. Mein Vater wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits nach einem Jahr entlassen. Schon mein Großvater väterlicherseits war, was Politik betraf, sehr skeptisch. Der Grund dafür waren die Vorkommnisse in den 30-iger und 40-iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ella Kay, die frühere Kommunalpolitikerin und Bezirksbürgermeisterin von Prenzlauer Berg war bei meinem Großvater aufgrund ihrer politischen Tätigkeit nicht gern gesehen.
BF: Im vergangenen Jahr mussten Sie mehrere Wochen aufgrund einer schweren Erkrankung pausieren. Um was für eine Erkrankung handelt es sich und wie geht es Ihnen heute?
H. Kay: Ich habe zum zweiten Mal in meinem Leben eine schwere Krebsdiagnose erhalten. Beide Male handelte es sich um einen Gehirntumor. Vor zwanzig Jahren hatte er die Größe einer Walnuss. Ich wurde damals kurz vor der Geburt meiner Kinder (es sind Zwillinge) operiert und der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Dieses Mal hatte er die Größe eines Tennisballs. Die Operation war stark risikobehaftet. Knapp fünf Stunden danach hatte ich zwei Schlaganfälle. Die Folgen sind Schwerhörigkeit auf einem Ohr und eine Gesichtsfeldeinschränkung. Das bedeutet, dass ich stark sehbehindert bin. Außerdem leide ich dauerhaft unter Schwindel und Kopfschmerzen. Es kostet mich jeden Tag Überwindung aufzustehen. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt und hoffe immer, dass sich der Zustand verbessern wird. Es gab auch schon Gedanken die Situation mit einem Suizid zu beenden. Nach meiner Operation war ich in einer Reha-Klinik. Dort hatte es kurz vorher zwei solcher Fälle gegeben.
BF: Nach dreieinhalb Monaten haben Sie trotz gesundheitlicher Einschränkungen Ihr Amt als Vorsitzender des Finanzausschusses in Hohen Neuendorf wieder aufgenommen. Es war sicherlich nicht einfach für Sie. Haben Sie Unterstützung erhalten?
H. Kay: Es war eine große Herausforderung für mich. Unterstützung habe ich vom Sitzungsdienst und parteiübergreifend von den Kollegen erhalten. Lediglich das Verhalten einer grünen Stadtverordneten ließ in der ersten Sitzung zu wünschen übrig. Soweit mir bekannt ist, bin ich bundesweit der einzige Ausschussvorsitzende mit solchen gesundheitlichen Einschränkungen. Der Ausschuss tagt ungefähr alle sechs Wochen.
BF: Sie sind in Oberhavel für Ihre langjährige politische Arbeit gut bekannt. Hat Ihre Geschichte denn nicht das Interesse der lokalen Medien geweckt?
H. Kay: Ein Redakteur einer bekannten lokalen Tageszeitung hat sich dafür interessiert. Er hat mich einen Tag vor der ersten Ausschusssitzung zu Hause besucht und ein Interview geführt. In der Ausschusssitzung war er auch dabei. Jedoch wollte die Chefredaktion mit der Begründung „interessante Geschichte aber die falsche Partei“ das Interview nicht veröffentlichen.
BF: Neben Ihrem Mandat als Stadtverordneter in Hohen Neuendorf sind Sie auch in der AfD-Kreistagsfraktion in Oberhavel aktiv. Üben Sie dieses Mandat weiter aus?
H. Kay: Ja, ich arbeite weiter in der Kreistagsfraktion. Es macht mir viel Spaß. Ich habe allerdings schweren Herzens den Vorsitz des Ausschusses für Wirtschaft/Landwirtschaft und Umwelt an meinen Fraktionskollegen Boris Bollert abgegeben. Im Rahmen meines Kreistagsmandates sitze ich auch im Verwaltungsbeirat der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS) sowie im Aufsichtsrat der Oberhavel Holding. Da ich selber nicht mehr Auto fahren kann, bin ich auf Fahrdienste angewiesen. An manchen Sitzungen kann ich auch online teilnehmen.
BF: Aus gemeinsamen Gesprächen weiß ich, dass Sie ein sehr heimatverbundener Mensch sind und auch Europa mit seiner Vielfalt der unterschiedlichen Länder, Kultur und Sprache sehr schätzen. Sie haben ein Essay mit dem Titel „Europa hörst Du mich?“ geschrieben. Die BF hat es bereits veröffentlicht [1]. Darin kommen Ihre große Verbundenheit zu Europa, aber auch gleichzeitig die negativen Veränderungen, die ausschließlich auf politische Entscheidungen beruhen, zum Ausdruck. Was war Ihre Intention zu diesem Essay?
H. Kay: Ich bin als deutscher Patriot förmlich zwangsverpflichtet durch und durch Europäer und meine Verbundenheit zu diesem Kontinent und seiner Zivilisation ist sehr groß. Am meisten missfällt mir an der heutigen Situation, dass dieser wunderbare Kontinent mit einem Technokratie- und Bürokratiemonster in Brüssel und Straßburg in Verbindung gebracht wird. Das hat Europa nicht verdient.
BF: Wie sind Ihre Pläne für die kommenden Monate und Jahre?
H. Kay: Nur die Perspektive auf die Möglichkeit weiterzuarbeiten hilft mir in meiner Situation nicht zu verzweifeln. Ich denke, dass ich noch meinen Teil dazu beitragen kann, dass sich etwas ändert. Ich gebe nicht auf! Ich weiß, dass ich eine verkürzte Lebenserwartung habe. Da mache ich mir keine Illusion. Aber was das Schicksal mir angetan hat, ist kein Vergleich zu dem was unserem Land angetan wird. Deshalb werde ich weitermachen. Ich bin Lutheraner und kann nicht anders. Alles andere würde mir wie Verrat vorkommen. Ich möchte mich von Menschen inspirieren lassen. Mein Vater hat mit seinen Händen gegen Panzer gekämpft. Ich muss weitermachen; auch um anderen Menschen, die schwer krank sind, Mut zu machen.
BF: Vielen Dank für das Gespräch und die tiefen persönlichen Einblicke.
Das Gespräch führte Gabriele Schade.