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Der Westen in der Krise. Sind wir wirklich so böse?

Eine Rezension zu Rainer Mausfelds aktuellem Buch.

Mittlerweile gibt es ganze Reihe von Sachbüchern, die die aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen als systemische Krise des Westens sehen. Neben Rainer Mausfelds aktuellem Buch „Hegemonie oder Untergang – Die letzte Krise des Westens?“ [1] seien hier die Werke von Todd [2] und Ritz [3] genannt.

Mausfeld zeichnet die Entwicklungsgeschichte des Westens als Blutspur, deren Stationen vor allem Eines gemeinsam haben: die „Anwendung brutalster Gewalt gegen die Zivilbevölkerung von Ländern, die der Westen als Feinde ansieht.“ [1].

Mausfelds Kernthese: Der sich im Niedergang befindende Westen gerät angesichts neuer, globaler Konkurrenten in eine Art Endspielmodus. Seine parasitäre Lebensform lässt sich nur aus einer Position globaler Hegemonie halten und um diese Führungsrolle zu verteidigen ist ihm jedes Mittel recht, auch das Mittel militärischer Gewalt. Nach innen wird der Westen durch ein „hermetisch abgeschlossenes ideologisches Gewölbe“ gestützt und geschützt.

In der nahezu unsichtbaren Ausübung ideologischer Macht sieht Mausfeld einen der spektakulärsten Erfolge in der Geschichte der modernen Propaganda:

„Die Methoden der Bewusstseinsmanipulation sind mittlerweile so perfektioniert worden, dass ein großer Teil der Bevölkerung des Westens überzeugt ist, in einem System zu leben, das im Großen und Ganzen frei von Propaganda und Indoktrination ist.“ [1]

Hier spielt Mausfeld seine Stärken als Kognitions- und Wahrnehmungsforscher aus. Als früherer Professor für Allgemeine Psychologie an der Uni Kiel hatte er dort bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Kognitions- und Wahrnehmungsforschung inne.

Die übrigen Teile seiner Kernthese sind mit etlichen Quellen untersetzt. Fast 150 Literaturangaben zzgl. zahlreicher Internetquellen machen wichtige Aussagen überprüfbar. Fremde Inhalte bleiben dennoch von Mausfelds eigenen Aussagen gut unterscheidbar. Darüber hinaus enthält das Buch auch ein Stichwortverzeichnis.

Trotz der vielen Quellen bleiben wichtige Teile von Mausfelds Kernthese strittig. So entsteht beim Lesen der ersten Kapitel der Eindruck, westliche Gewaltherrschaft sei eine Art genetisch bedingte Unvermeidlichkeit. Gewaltexzesse außerhalb der westlichen Einflusssphäre wie der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich oder während der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha werden nicht diskutiert und finden erst gar keine Erwähnung.

Auch Mausfelds deutliche Kapitalismuskritik als Erklärungsansatz für gewaltsame Hegemonie bleibt diskussionswürdig, denn das Prinzip der Kapitalvermehrung in einem marktwirtschaftlichen Rahmen hat längst auch bei den globalen Konkurrenten des Westens Einzug gehalten. Dass ein neuer Hegemon beim Überschreiten seines Zenits dann ebenfalls zur Gewalt greifen könnte, kommt Mausfeld anscheinend gar nicht in den Sinn.

Sein Lösungsansatz des kollektiven Lernens und Handelns erfordert eine genauere Analyse als im Buch dargelegt. Denn falsch verstandene Solidarität wie in der Corona-Krise und die Instrumentalisierung von Protestbewegungen wie für den vorgeblichen Schutz des Klimas gehören längst zum Werkzeugkasten moderner Herrschaftstechniken. Auch totalitäre Systeme stellen das Kollektiv in den Vordergrund. Der Übergang vom legitimen Zusammenschluss zum Erreichen gemeinsamer politischer Ziele hin zum totalitärem Kollektivismus ist fließend. Eine klare Unterscheidung gelingt Mausfeld in „Hegemonie oder Untergang – Die letzte Krise des Westens?“ nicht.

BF-Bewertung: 3,5/5

Text: Jan Müggenburg

[1] Mausfeld, Rainer (2025): „Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens?“, 1. Auflage, Neu-Isenburg: Westend Verlag.
[2] Todd, Emanuel (2024): „Der Westen im Niedergang: Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall.“, 1. Auflage, Frankfurt am Main: Westend.
[3] Ritz, Rainer (2024): „Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas.“, 1. Auflage, Wien: Promedia.

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