Der autoritäre Corona-Staat machte Oligarchen wie Donald Trump und Elon Musk zu Hoffnungsträgern der Freiheit. Multiplikatoren wie Javier Milei und Markus Krall erlangten Pop-Star-Status. Der Historiker Hermann Ploppa warnt vor deren „marktradikalen“ Konzepten. Angesichts einer historisch beispiellosen Ungleichverteilung von Vermögen und wachsender digitaler Abhängigkeit sieht Ploppa die Gefahr des Abgleitens in einen neuen Feudalismus. Eine Rezension zu Ploppas aktuellem Buch.
Ploppas Kernthese: ein Jahrhunderte währender Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung und angemessene Teilhabe an den erarbeiteten Werten einer Gesellschaft erreicht eine neue Stufe. Aktuell schlage das Pendel wieder zurück und die Machtverhältnisse verschieben sich zugunsten der Reichen. Bisher unbekannte Möglichkeiten der digitalen Kontrolle werden im Rekordtempo etabliert. Sie führen Menschen in eine Abhängigkeit, die nicht nur virtuell und digital sondern auch ganz real und im analogen Raum wirkt. Ploppa sieht in dieser Abhängigkeit Gemeinsamkeiten mit der Zeit des Feudalismus.
Ploppas Titelthese wirkt zugespitzt. Der Leser sollte jedoch keine dystopisch ausgemalte Zukunftsbeschreibung erwarten. Kein weiterer Angstporno. Wer Ploppas Publikationen kennt, weiß, dass sie stets von hoher Sachlichkeit gekennzeichnet sind. Für Ploppas Verhältnisse wirkt der Titel seines aktuellen Buches eher gewagt, fast schon reißerisch.
Doch es gibt auch inhaltliche Defizite. Ploppas Zusammenstellung von Merkmalen des Feudalismus in seiner historisch bekannten Form wirkt ebenso sachlich wie umfassend. Seine Beschreibung aktueller Entwicklungen ist zutreffend und zumindest für Leser gewöhnlicher Massenmedien durchaus informativ. Allerdings führt Ploppa keinen Abgleich dieser Entwicklungen mit den zuvor aufgestellten Merkmalen feudaler Ordnungen. Seine Prognose eines aufziehenden „neuen Feudalismus“ bleibt somit fast ohne Rechtfertigung. Lediglich die Verschwendungssucht feudaler Herrscher zieht Ploppa als Parallele zum Verhalten heutiger Oligarchen heran. Als Indiz ist dieser Punkt durchaus geeignet aber reicht das als Beleg für eine derart gewagte These?
Der Wert des Buches liegt an anderer Stelle. Ploppas historischer Abriss zur Entwicklung sozialer Errungenschaften liefert interessante Details, die historischen Abläufen ein anderes Gesicht verleihen und gängigen Wertungen entgegenstehen. So bewertet Ploppa das deutsche Sozialsystem an seinen Wurzeln als eher subsidiär. Die Ursprünge des amerikanischen Sozialsystems sieht er dagegen eher als Ergebnis staatlichen Handelns und hier vor allem als Ergebnis der Politik von Franklin D. Roosevelt.
Ploppa gibt der Entstehungsgeschichte gemeinnütziger Institutionen und Mechanismen in beiden Kulturräumen breiten Raum, liefert zahlreiche historische Fakten und schafft so ein solides Verhältnis zwischen Wertung und Fakten. Der Autor erzeugt damit Bewusstsein, für vieles, was sich zu bewahren lohnt.
BF-Bewertung: 4,0/5
Text: Jan Müggenburg
[1] Ploppa, Hermann (2025): „Der neue Feudalismus. Privatisierung, Blackrock, Plattformkapitalismus.“, 1. Auflage, Marburg: Liepsen Verlag.
